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»Du kannst nicht einfach durch die Owlarh-Öde wandern, Dray Prescot!«
Sosie na Arkasson starrte mich aufgebracht an. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und musterte mich mit blitzenden Augen, doch ihre volle Unterlippe zitterte verräterisch.
»Ich muß, Sosie!«
»Aber Dray! Es gibt dort Leems und Stilangs und Graints und sogar Risslacas, ganz zu schweigen von den Teufeln aus Cherwangtung. Du darfst es nicht wagen!«
Ich bin kein Mann, der oft lacht – es sei denn in Momenten der Leidenschaft oder der Mühsal –, und ich vermochte auch jetzt nicht zu lachen. Doch selbst mit einem Lachen hätte ich Sosies Ängste nicht vertreiben können. Arkasson hatte sich als eine interessante Stadt erwiesen – eine Siedlung, die sich an eine senkrechte Felsklippe drängte, in der riesige Edelsteine im gemischten Licht Scorpios schimmerten. Die hiesige Architektur neigte zu schwungvollen Steinlinien und -ornamenten, zu massigen Trommeltürmen mit runden Dächern aus den schweren Schindeln der nahegelegenen Schieferbrüche. Es gab offene Grünflächen, doch wie fast überall in den Städten des Westens der Unwirtlichen Gebiete war kein bequemer Landeplatz übersehen worden. Die Abwehr von Angreifern aus der Luft war in Arkasson nicht so bis ins letzte Detail durchdacht worden wie anderswo, und die Stadtmauern waren in erster Linie zur Verteidigung gegen Bodentruppen bestimmt; dennoch hätte Luftkavallerie Mühe gehabt, in Arkasson zu landen.
Mangar, der auf so grausame Weise umgekommen war, hatte zu den führenden Männern der Stadt gehört; und obwohl ich eine Anzahl Würdenträger kennenlernte und mit großer Freundlichkeit behandelt wurde, drängte es mich, meine Wanderung nach Osten fortzusetzen.
Meine bleiche Haut erregte bei den schwarzhäutigen Menschen Arkassons berechtigtes Mißtrauen, obwohl mich die Sonnen Scorpios gebräunt hatten. Sosie hatte tatsächlich schnell eine Erklärung abgeben müssen, damit ich bei meiner Ankunft nicht gleich von einem Speer durchbohrt wurde.
Die Räuber aus Cherwangtung streiften in den Nächten durch das Land – die Gegend hier wurde Owlarh-Öde genannt. Am Tag zogen sich die Cherwangtunger in Höhlen und andere Verstecke zurück. Die Arkassoner hielten sie für abscheuliche Ungeheuer, die ihnen das Leben schwer machten. Die Farmen rings um die Stadt waren ausnahmslos durch Mauern und Gräben gesichert; aber die Ungeheuer aus Cherwangtung verschafften sich oft genug Zutritt und wüteten unter der Landbevölkerung. Sosies Hof war abgebrannt – ihre Mutter war tot, und auch ihr Vater lebte nicht mehr. Die weißhäutigen Räuber waren gründlich gewesen.
Noch heute erinnere ich mich deutlich an den Folterpfahl mit der schmalen dunklen Gestalt Sosies, an den Fackelschein, der über die tanzenden Körper der weißhäutigen Wilden zuckte, an die Gestalten, die waffenschüttelnd um ihr Opfer tanzten und kreischend nach seinem Blut gierten.
»Wenn du uns verläßt, Dray Prescot – sehe ich dich nicht lebend wieder.«
»Ich bitte dich, Sosie! Ich kann mich ganz gut selbst beschützen!«
Ein seltsames Gespräch. Sosie und ihre Freunde und die Verwandten, bei denen sie in Arkasson wohnte – bis sie heiraten und ihren Hof wieder aufbauen konnte –, hatten Mühe zu verstehen, daß ich wirklich weiterwandern wollte. Als sie es begriffen, bestanden sie darauf, mich mit Geschenken zu überhäufen. Doch ich nahm von Sosie nur Nahrungsmittel und etwas zu trinken an – und einen gut ausbalancierten lohischen Langbogen. Er war gut sechs Fuß lang, und der Spannungsdruck mußte gut hundert Pfund betragen. Ein Bogen, mit dem ich gut umgehen konnte – denn hatte mich nicht Seg Segutorio, der Meisterschütze aus Erthyrdrin, im Schießen unterrichtet?
Sosie lächelte, als sie mir den pfeilgespickten Köcher überreichte. Ihre Augen hatten den Ausdruck einer Frau, die einen Toten zur letzten Reise in die Eiswüsten Sicces schmückt. Aus reiner Höflichkeit untersuchte ich den Köcher und bemerkte die kostbare Perlenstickerei – Tiere und Blumen und Schmuckmotive in grellen Farben. Die Edelsteine schimmerten im Sonnenlicht.
»Die Steine habe ich selbst an den Klippen gesammelt, Dray. Ich habe viele Jahre damit zugebracht, den Köcher zu sticken. Es ...« Sie hielt inne, und ihr schwarzes Gesicht war mir zugewendet, und ihre vorstehenden Lippen zitterten, und sie senkte die langen Wimpern. Und da glaubte ich sie zu verstehen.
Ihre Tante bestätigte meinen Verdacht.
»Eine Jungfrau Arkassons muß bei der Hochzeit ihrem Bräutigam einen Köcher, eine Tunika und Wildlederschuhe überreichen, bestickt mit Steinen, die sie an den Klippen gesammelt und selbst rundgeschliffen und fehlerfrei durchbohrt hat. Du bist ein seltsamer Mann, Dray Prescot. Wenn deine bleiche Hautfarbe nicht wäre, könntest du ein würdiger Bürger Arkassons sein.«
»Und nimmt kein junger Mann sie zur Frau, wenn sie diese Gaben nicht für ihn hat?«
Die Tante – Slopa war ihr Name; sie hatte ein runzliges Gesicht und graues Haar, was bedeutete, daß sie gut hundertundfünfzig Jahre alt sein mochte – sah mich gekränkt an. »Nein.«
»Da soll doch!« rief ich. »Dann kann ich den Köcher von Sosie nicht annehmen! Sie hat Jahre gebraucht, um ihn zu fertigen. Wenn kein Freier sie ohne ihn nehmen will, muß sie viele weitere Jahre warten und Juwelen sammeln und schleifen und durchbohren, ehe sie heiraten kann. Und was wird aus ihrer Farm? Tante Slopa – das kann ich nicht annehmen!«
»Du wirst ihr sehr weh tun, wenn du es nicht tust.«
»Ich weiß, bei Zim-Zair! Ich weiß!«
Tante Slopa schürzte die vollen Lippen. »Sosie hat das bestimmt nicht nur getan, weil du ihr das Leben gerettet hast. Dahinter steckt mehr.«
»Kannst du mir einen ungeschmückten Köcher bringen?«
»Ja. Aber das ...«
»Bitte bring ihn mir, Tante Slopa.«
Als ich die Pfeile aus dem schön bestickten Köcher in den einfachen Lederbehälter umgesteckt hatte, trug ich Sosies Geschenk zu ihr. Sie saß auf einer Bank im Hof – über sich das Schutznetz aufgespannt – und las ein Buch, Die Reise des Kyr Nath*, einen mythischen Abenteuerbericht, der mindestens zweitausend Jahre alt und in ganz Kregen bekannt war.
»Nath«, sagte ich. »Ich habe einmal einen Nath gekannt, einen netten Kameraden, und eines Tages will ich mit ihm und Zolta wieder trinken und lachen.«
Sie blickte auf den Köcher.
»Ich möchte gern leben, Sosie – und doch bringst du mich in höchste Gefahr.«
»Ich! Ich bringe dich in Gefahr, Dray Prescot? Wie kommst du darauf?«
»Siehst du, wie diese herrlichen Edelsteine und lieblichen Stickereien im Licht von Zim und Genodras schillern und funkeln?«
Sie streckte eine Hand aus und streichelte die Stickerei. Ihr Gesicht zeigte Zufriedenheit und Stolz, wie es einem jungen Mädchen anstand, das sehr wohl weiß, daß sie gut gearbeitet hat.
»Sie sehen wirklich herrlich aus. Auf deinem Rücken werden die Steine der Welt sagen, daß dieser Köcher für dich von einem Mädchen gemacht wurde, das ...« Sie hielt inne. Wieder begannen ihre weichen Lippen zu zittern.
Ich schlug den groben und herablassenden Ton an, den ich so sehr an mir selbst verabscheute: »Der Köcher ist sehr schön, Sosie. Aber ich bin ein Abenteurer, der gefährliche Landstriche durchzieht. Der Köcher könnte mir den Tod bringen. Er würde der Welt zeigen, wo ich bin; er würde der Welt zeigen, daß ich ein Vermögen auf dem Rücken trage; ich hätte keine Ruhe mehr.« Sie wollte aufbrausen und etwas sagen, doch ich brachte sie zum Schweigen. »Dieser Köcher muß im Haus des Mannes hängen, den du eines Tages heiratest, Sosie; des Mannes, den du lieben wirst. Für ihn wird die Stickerei ein Quell ewiger Freude sein. Mir würde sie nur den Tod bringen.«
»Aber ... Dray ...« Sie war verwirrt.
»Du verstehst mich doch, Sosie, ich weiß das zu schätzen ...«
Während ich ihr noch den schimmernden Köcher hinhielt, sprang sie mit einem erstickten Schrei auf. Kyr Nath fiel zu Boden. Sie umarmte mich und küßte mich mit der wilden Leidenschaft der Unschuld.
Der heiße, weiche Druck ihrer Lippen durchfuhr mich wie ein Pfeil. Dann ließ mich Sosie los und floh ins Haus.
Ich seufzte, bückte mich und hob das Buch auf.
Kyr Nath. Naja. Ich schlug eine Seite auf und las: »Und auf diese Weise besiegte Kyr Nath auf dem Rücken seines pechschwarzen Impiters die Legionen aus Sicce, die inmitten von Blitz und Donnerschlag vor ihm zurückscheuten, und Kyr Nath verscheuchte sie vom Sonnenaufgang bis zum Tag der Abrechnung, so daß sie zu Boden stürzten und sich in Höhlen unter den Bergen der Perlen und des Goldes versteckten, aus denen bis heute ihr heißer Atem weht.«
Ich legte das Buch fort. Sonnenaufgang. Die alten Völker im Auge der Welt, die den Großen Kanal und den Damm der Tage gebaut hatten, wurden die Völker des Sonnenaufgangs oder die Völker des Sonnenuntergangs genannt. Mir fiel auf, daß Kyr Nath in diesem Buch einen Impiter flog, ein Tier, das in den Unwirtlichen Gebieten bekannt war. In Sanurkazz wäre Kyr Nath auf dem Rücken eines Sectrix geritten, und als ich die Geschichte zum erstenmal im Wagenkreis meiner Klansleute von Felschraung hörte, war Kyr Nath ein Vovereiter gewesen.
Die Kultur eines Planeten ist ein kompliziert verwobenes Gebilde – und mit diesem Gedanken blickte ich auf und sah Tante Slopa vor mir stehen, die mich traurig musterte.
»Sosie läßt ausrichten, daß sie dich versteht.«
Obwohl ich mich so manchem wilden Tier gegenübergesehen hatte, fühlte ich im Augenblick keine Neigung, nach den Einzelheiten der Szene zu fragen, die diesem Satz vorausgegangen war. Was zwischen Slopa und Sosie geschehen war, hatte nichts mit mir zu tun. Im Grunde zwar doch – aber es durfte mich nichts angehen.
Tante Slopa sagte leise: »Wenn ein Mann stirbt, werden sein bestickter Köcher und seine Tunika und seine Lederschuhe mit ihm in die Funkelnden Höhlen gelegt.«
»Die Funkelnden Höhlen?«
Sie deutete mit einem Kopfnicken auf die Klippenwand, die Arkasson überragte. »Die Felswand ist von Höhlen durchzogen. Die Edelsteine im Felsgestein schimmern und funkeln.«
Eine weitere Anmerkung meinerseits schien nicht erforderlich zu sein; doch ich hielt es für möglich, daß ein unermeßliches Vermögen in dieser Klippe lag – eingebettet in das Felsgestein und neben den Gebeinen zahlloser Generationen liegend.
Ehe ich ging, tauchte Sosie wieder auf. Sie hatte ihre Tränen getrocknet und war nun wieder hübsch anzuschauen. Ihre schwarze Haut schimmerte, und ihre Afrofrisur war frisch gebürstet. Sie trug ein einfaches Kleid in einem dunklen Orangeton, das mit Steinchen bestickt war. Ihre Füße steckten in gelben Schuhen.
»Du wirst mir sicher verzeihen, Sosie ...« begann ich.
Aber sie brachte mich sofort zum Schweigen, wofür ich ihr dankbar war. Ich habe es mir zur Regel gemacht, mich niemals zu entschuldigen – doch manchmal wirkt sich dieses Prinzip zum Nachteil aus.
»Du bist also entschlossen, die Owlarh-Öde zu durchwandern, Dray Prescot! Ich habe erkennen müssen, daß ich das nicht verhindern kann. Ich danke dir für deine Freundlichkeit ...«
»Sosie, nein, du warst freundlich ...«
»Aber nicht freundlich genug.«
Sie hatte recht energisch gesprochen. Sosie na Arkasson war keine Heulsuse, das mußte ich zugeben. »Ich wünsche dir alles Glück auf der Welt, Sosie – alles Glück auf Kregen. Mögest du den Mann deines Herzens finden und heiraten – möge deine Farm gedeihen. Mögest du glücklich sein. Zair gehe mit dir.«
Wieder äußerte sie sich nicht zum Gebrauch des Namens Zair. Man war sehr tolerant in Arkasson, soweit es die Religion betraf – im Gegensatz zu den Primitiven aus Cherwangtung.
»Und mit dir, Dray Prescot.«
Vor mir lag die Wüste, die Sosie die Owlarh-Öde nannte. Ich entfernte mich einige Schritte von den zerklüfteten Felsmauern, trat in das grelle Licht der Sonnen von Scorpio hinaus und wandte mich um. »Remberee, Sosie!«
Sie hob zum Abschied den Arm. »Remberee, Dray Prescot. Remberee!«
Ich blickte absichtlich nicht zurück, bis Arkasson hinter mir verschwunden war, bis es verschmolzen war mit der grauen Felsfläche, die hoch über die Häuser aufragte.
Während meiner Mittagsrast, während meines spärlichen Mahls überdachte ich meine Situation.
Um meine Hüfte zog sich das scharlachrote Tuch, das einen Lendenschurz bildete. Ohne daß ich davon wußte, hatte mir Sosie eine Schwertscheide und einen Gürtel aus einfachem weichem Leder gestickt, und das gefährliche Langschwert der Krozairs schmiegte sich nun sicher an mein Bein. Der breite Gürtel, den Delia mir an Bord des Flugboots geschenkt hatte, zog sich eng um meine Hüfte, die Silberschnalle war absichtlich verschmutzt; der Gürtel hielt das Seidentuch fest, denn Seide hatte die unangenehme Eigenschaft zu rutschen. Das Rapier hing links, und zwar nicht parallel zum Langschwert; es ragte vielmehr schräg in die Gegend. Die Main-Gauche war zur Rechten befestigt. Vielleicht belächeln Sie diese Vielfalt der Waffen und halten mich für ein wandelndes Waffenarsenal, doch ich war diese Bestückung gewöhnt und konnte mich ungehindert damit bewegen.
Der Köcher, der so große seelische Probleme verursacht hatte, hing auf meinem Rücken; die schwarzgefiederten Pfeilschäfte ragten über meine Schulter. So konnte ich ihn bequem befördern; wenn es schnell zu schießen galt, trug ich den Köcher an der linken Hüfte mit nach vorn geneigten Pfeilschäften. Den Bogen hatte ich ungespannt in der Hand. In einem Beutel aus gewachstem Leder war ein Dutzend Ersatzsaiten verstaut. Dann hatte ich noch den Proviantbeutel und die Wasserflasche bei mir. So wanderte ich, Dray Prescot, barfüßig auf die Ostküste Turismonds zu.
Wenn ich hier an dieser Stelle mein breites Jagdmesser nicht ausdrücklich erwähnte, das hinter meiner rechten Hüfte am Gürtel in einer Scheide ruht, so liegt das daran, daß ich seit meinen frühen Tagen an Bord eines 74-Kanonen-Schiffs der britischen Marine an dieser Stelle ein Messer trage. Es ist sozusagen ein Bestandteil meiner selbst.
Wer ein Abenteurer und Kämpfer sein will, sollte sich am besten nicht nur auf eine Waffe verlassen. Das Schicksal ist nur zu oft bereit, ihm seine Waffe zu entreißen und selten willig, sie ihm zurückzugeben. Der wahre Kämpfer, so meine ich, vermag mit allen Waffen zu kämpfen, die ihm in die Hände fallen.
Die Doppelsonne von Antares wanderte über den Himmel; der kleinere grüne Genodras stand gerade unter dem roten Riesen Zim, so daß beim zweiten Sonnenuntergang das Land aus rostigem Eisen zu bestehen schien – eine gewaltige Lichtflut aus Orange und Braun und Rot war mit einem letzten grünen Lichtstreifen der bereits untergegangenen Sonne durchsetzt. Vor mir erstreckte sich der Staub und die Dornefeudickichte der Owlarh-Öde. Es war nicht allzu schwierig, einen sicheren Rastplatz für die Nacht zu finden, und als Genodras vor mir wieder auftauchte und den Himmel mit grünen Streifenmustern füllte und die letzten Sterne übermalte, war ich bereits seit einiger Zeit unterwegs.
Bisher war ich von den Männern aus Cherwangtung nicht belästigt worden, was verschiedene Gründe haben konnte – der stichhaltigste lag vermutlich in Sosies Bemerkung, die weißhäutigen Barbaren ruhten am Tage und trieben sich nur in der Nacht herum. Ich war nicht so naiv anzunehmen, daß sie mich entdeckt, aber in Anbetracht meines ersten Kampfes gegen sie zu große Angst vor mir hätten.
Der Boden war karg und wurde immer wüstenhafter. Das Problem, das bald am dringlichsten wurde, war Wasser. Der Staub wirbelte um meine Füße hoch und zwang mich, vorsichtig auszuschreiten. Sosie hatte mir erzählt, daß Leem in dieser Gegend jagten und auf den Farmen einfielen, wenn die Zäune nicht repariert wurden. Ansonsten lebten sie von kaninchenähnlichen Wesen, die sich hier auf der Ebene ihre Höhlen gruben – und diese Tiere mußten auch meine Nahrung sein.
Weniger Sorgen machten mir die Risslacas – von denen es zahllose Arten gibt. Während ich mich im Auge der Welt zum Ruderkapitän emporarbeitete, war ich manchem furchteinflößenden Risslaca begegnet, Saurierungeheuern, Kaltblütler mit mächtigen Zähnen und Klauen, gepanzert mit Hornhaut und Schuppen. Nath, Zolta und ich hatten bei der Verteidigung der sanurkazzischen Südgrenze mehrere Ungeheuer dieser Art niederkämpfen müssen.*
Wie Sie sich vielleicht vorstellen können, habe ich mich nach meiner Begegnung mit echten Dinosauriern auf Kregen bei jeder Gelegenheit mit dieser Tiergattung beschäftigt, soweit es die irdische Vergangenheit betrifft. Dieses Thema ist faszinierend – für Kinder ebenso wie für Paläontologen. Bei meinen Studien versuchte ich Parallelen zu ziehen zwischen den längst untergegangenen Saurierkönigen der Erde und den sehr realen Risslacas Kregens.
Da gab es natürlich viele Übereinstimmungen. Ebenso gab es Risslacas, die sich von allem unterschieden, was sich je am Ende des mittleren Mesozoikums, im Jurazeitalter, auf der Erde bewegt hatte, gut hundertundvierzig Millionen Jahre vor unserer Zeit.
Viele dieser Tiere hatten kein Gehör. Einige stießen Schreie aus wie explodierende Wasserkessel. Manche jagten mit dem Auge, andere wieder nach dem Geruch.
Es war ein Trio der Gattung, die mit dem Geruchsinn jagt, das mich gegen Mitte des Nachmittags aufschrecken ließ – in einer Gegend, wo der Boden zwar noch immer recht trocken war, aber doch ausreichende Bedingungen für Farngewächse bot. Ein Fluß hatte meinen Weg gekreuzt, und ich hatte ihn überquert und war weitergeeilt. Die Farngewächse ragten immer dichter und höher empor. Ich spürte ein seltsames Kribbeln zwischen den Schulterblättern. Das Licht der Doppelsonne brannte heiß herab, und die orangefarbenen und jadegrünen Lichtstrahlen schossen wie Speere zwischen den Blättern herab. Das Laubwerk wölbte sich über mir. Die zahllosen Farnstengel ragten über mir auf. Ich wanderte leichtfüßig dahin und schaute mich dabei ständig um. Meinen Bogen trug ich in der Hand, einen Pfeil auf der Sehne.
Schließlich erreichte ich ein Sumpfgebiet, das ich umgehen mußte. Da und dort schimmerte das Wasser, als sei es Bronze. Eine Mauer bewegte sich plötzlich vor mir. In der Mauer zuckten beschuppte Muskeln. Farbflecke – bernsteinbraun, jadegrün, schwarz – tarnten das Wesen zwischen den dichten Farngewächsen. Ich sah einen schmalen Kopf, der gierig Farnwedel verschlang, und die herabhängenden Blätter der kargen dornigen Bäume, die wie Palmen rings um das Wasser wuchsen. Ein schlangengleicher Hals drehte sich. Der Kopf stieg zwischen den Farnwedeln empor und legte sich schief, so daß das Tier äugen konnte – aber es beäugte nicht mich! Das Auge starrte kühl auf den gewundenen Pfad, den ich gekommen war.
Dort standen die drei Raubtiere. Sie schlichen auf dreizehigen Pfoten heran – und ich sah, daß die erste Zehe jeder Hinterpfote eine lange, sichelscharfe Klaue besaß, wie sie unseren irdischen Deinonychus ausgezeichnet hatte. Die auffällig golden und schwarz gestreiften Schuppen blitzten im Licht der Doppelsonne. Zehn Fuß lang waren die Raubtiere, und mindestens siebzig Fuß hoch war der camarasaurusähnliche Pflanzenfresser.
Und ich stand zwischen ihnen.
Die ruderähnlichen Schwänze der Deinonychus-Risslacas streckten sich steif nach hinten. Die gekrümmten Sichelklauen funkelten bedrohlich im Sonnenlicht. Mit einer unglaublichen Sprungkraft griffen die drei Raubtiere an.